Cinéfête 2019 – Familientohuwabohu auf Französisch

Familienleben kann kompliziert sein: Ein blockiertes Bad führt mancherorts zu dramatischen Szenen; die Frage danach, wer den Abwasch erledigt, kann in Wutausbrüchen enden. Um solche Komplikationen geht es jedoch nicht in der Komödie C’est quoi cette famille? von Gabriel Julien-Laferrière, der eine besonders verschlungen konstruierte Patchworkfamilie inszeniert. Am Mittwoch, den 16. Oktober, waren während der fünften und sechsten Stunde die Französischschüler der 8. bis 10. Klassen zusammen mit ihren Französischlehrkräften im Ostentorkino, um sich im Rahmen der alljährlich stattfindenden Cinéfête auf Französisch einen unterhaltsamen Perspektivwechsel auf moderne Familienmodelle anzuschauen.

Es herrschte angeregte Stimmung: Gerüstet mit Chipstüten und in lebendige Unterhaltungen verwickelt, hätten manche den Beginn des Films fast verpasst. Denn der ließ nicht lange auf sich warten und zeichnete staccatoartig die Familienverhältnisse des Protagonisten Bastien nach. Nach diversen Ehen und Scheidungen seiner Eltern und Verflechtungen untereinander hat Bastien – grob gesprochen – vier Mütter, vier Väter und sechs Stiefgeschwister. Wie genau welches Kind mit den anderen verwandt ist (und ob überhaupt!), blieb im Informationsfeuerwerk teilweise unklar. Da halfen auch keine Untertitel, die sonst freilich bei einem oft rasanten Sprechtempo und im Stimmengewirr Gold wert waren. Ohnehin musste man schon wieder weiter, denn die Kinder der Patchworkfamilie sind kompliziert auf die Eltern verteilt, mal hier, mal dort – und anscheinend fiel es nicht nur den Zuschauern schwer, da den Überblick zu wahren. Auch die Kinder im Film haben die Schnauze voll und entscheiden nach einem meisterhaften Plan von Bastien: Statt wie Wanderpokale von dem einen zum anderen Elternteil tageweise herumgereicht zu werden, werden sie jetzt sesshaft und lassen sich von ihren Eltern abwechselnd in „ihrer“ Wohnung betreuen. (Daher auch der deutsche Titel Wohne lieber ungewöhnlich.) Plötzlich kommt Gemütlichkeit auf und die Eltern merken, dass es nicht nur ihrem Nachwuchs, sondern auch ihnen selbst guttut. Doch kaum ist das familiäre Tohuwabohu in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt, droht neuer Ärger an anderer Front: das Gefühlschaos der ersten Liebe, bei dem auch Missverständnisse und temperamentvolle Jugendliche nicht fehlen dürfen. Mit kuriosen Figuren wie dem dank Webcam stets anwesend-abwesenden Nerdpapa, der mit ihrer Fürsorge förmlich erwürgenden Übermutter, die ihren großen Kleinen wohl am liebsten in Luftpolsterfolie packen würde, oder der verwegenen, aber gutherzigen Oma, die mehr Rockerbraut als klassische Großmutter ist, bot der Film ein reiches Spektrum an Anlässen zum Lachen. Und wen das nicht überzeugte, der wurde schwach beim niedlichen Nesthäkchen Gulliver, dessen Erscheinen wiederholt für entzückte Seufzer im Kinosaal sorgte.

Für jeden Geschmack war also etwas dabei und auch ein Happy End blieb nicht aus, so dass am Ende der Vorstellung alle den Kinosaal mit einer positiven Bilanz verließen und sich nach all den Irrungen und Wirrungen der porträtierten Patchworkfamilie getrost in die eigene Familie begeben konnten.

Waldemar Blech